90 Jahre Wald-Klinikum

(Gera, SRH Wald-Klinikum, 12.04.2010) Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
Liebe Gäste,
heute begehen wir den 90sten Jahrestag der Eröffnung unseres Wald-Klinikums.
Am 12. April 1920 hat es seine Pforten eröffnet. Es sind 90 Jahre vergangen. Das ist Grund genug, zurück zu schauen.
Herr Dr. Hünicke hat uns diesen Rückblick in gewohnter exzellenter Art und Weise als Zeitzeuge ermöglicht. Solch ein Jubiläum soll uns allen aber auch Anlass sein, nach vorn zu blicken.
Wo sind unsere Perspektiven? Wohin wollen wir? Und: Wie soll uns das gelingen?
Ein Krankenhaus hat einen Zweck. Es hat den Zweck, Menschen zu helfen, die so krank sind, dass eine ambulante Behandlung im häuslichen Umfeld nicht mehr ausreichend ist. Die Perspektive des Krankenhauses ist also zuallervorderst die Perspektive für unsere Patienten. Ihnen müssen wir Geborgenheit und Fürsorge geben. Sie haben einen Anspruch auf Pflege und Medizin auf hohem Niveau.
Sie haben aber auch einen anderen Anspruch. Sie haben einen Anspruch auf unser Augenmaß. Nicht alles, was in der Medizin möglich ist, ist richtig. Und nicht alles, was richtig ist in der Medizin, ist wirklich gut für den individuellen Patienten. Hier haben wir – wie auch andere Krankenhäuser - unser Hauptfeld der Entwicklung. Es geht um Behandlungsqualität und um Behandlungsergebnisse. Hier müssen unsere medizinischen und pflegerischen Behandlungsabläufe stets aufs Neue auf den Prüfstand. Hier brauchen wir einen Prozess der ständigen Verbesserung.
Eine Perspektive für Patienten beinhaltet aber auch noch etwas ganz anderes für uns.
Unsere Patienten werden älter. Sie werden kränker. Und zugleich werden sie selbst für uns anspruchsvoller. Ihre Medizin für uns anspruchsvoller. Wenn es demografische Herausforderungen in der Medizin gibt, so befinden wir uns hier in Gera quasi im Brennglas dieses Prozesses. Unsere Stadt hat in den letzten Jahren 35.000 Einwohner verloren. Das waren junge Menschen, die auf der Suche nach iher Perspektive die Stadt verlassen haben. Das hat die familiären Solidargemeinschaften im Zeitraffer-Tempo auseinander brechen lassen. Alte Menschen können nicht mehr im Schoße ihrer Familien entsprechende Fürsorge finden. Wir müssen also junge Menschen in unserer Stadt halten. Wir müssen also den Betagten besondere Fürsorge in der Vernetzung mit anderen Versorgern zukommen lassen.
Die Perspektive für unsere Patienten hängt aber nicht nur davon ab, dass jede individuelle Betreuung gut ist. Patienten kommen in ein Krankenhaus als Organisation. Diese Organisation ist hoch arbeitsteilig. Funktioniert diese Arbeitsteiligkeit nicht, funktioniert das Zusammenwirken an den vielen Schnittstellen nicht, dann ist auch jede Bemühung eines Einzelnen vergeblich. Das Ergebnis des komplexen Behandlungsprozesses kann dann nicht erreicht werden.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Hauses werden es wissen. In den vergangenen Wochen haben wir ganz entscheidende Probleme in der Organisation und im Miteinander entdeckt. Wir sind daran, sie nachhaltig zu verbessern.
Unsere Patienten liegen zu lange, weil unsere Abläufe noch nicht reibungslos funktionieren. Deshalb sind unsere Stationen überfüllt. Ich konnte Tage sehen, an denen die Notaufnahme völlig überfüllt war. Es waren keine Betten für dringlich behandlungsbedürftige Patienten da. Ich habe Tage gesehen, an denen ganze OP-Teams in mehreren Sälen auf den Operateur oder den Patienten oder die Narkosevorbereitung eine halbe Stunde warten mussten. Aber es gibt auch eine andere, weit wichtigere Seite der Medaille. Ich habe viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Berufsgruppen gesehen, die sich trotz aller Wirrungen der Vergangenheit diesem Unternehmen verpflichtet fühlen. Ich habe Mitarbeiter gesehen, die ohne Murren unter schwierigen Bedingungen ihren Dienst aufopfernd tun. Das ist unser Schatz.
Hier komme ich zu einem weiteren wichtigen Punkt. Eine Perspektive für unser Krankenhaus, das ist eine Perspektive für unsere Mitarbeiter. Wenn ein Krankenhaus eine Perspektive haben will, so muss es diese vor allen Dingen seinen Mitarbeitern geben.
Ein Krankenhaus ist ein Dienstleistungsunternehmen. Für Dienstleistungsunternehmen gibt es eine ganz gravierende Besonderheit. Dienstleister unterscheiden sich von anderen Betrieben. In hohen betriebswirtschaftlichen Worten gesagt, unterscheidet sie das uno actu Prinzip. Produktion, Distribution und Konsumption finden zeitgleich statt. Ganz einfach gesagt: Der Ablauf der Behandlung macht seinen wirklichen Wert aus.
Während in der Fertigungsindustrie alle Teile fein säuberlich in Osteuropa oder Asien oder Teppich mit Kinderarbeit in Nepal gefertigt werden können, kann man diese immer mit Glanz und Gloria anderenorts verkaufen. In der Medizin ist das anders. Jeder Patient ist stündlich und minütlich unmittelbar in den Behandlungsprozess eingebunden. Er hat den ständigen Kontakt zu Pflegenden und Ärzte. Er wird wissen und merken, wie die Stimmung, das Engagement und die Zuwendung der Belegschaft sind. Ihm bleibt weniger verborgen, als sich manch einer wünschen mag.
Daher kann ein Krankenhaus nur dann funktionieren, es hat nur dann eine Perspektive, wenn die vielen Mitarbeiter einen Sinn in ihrem Tun sehen. Wenn sie willens sind, für die Ziele des Unternehmens gemeinsam einzutreten. Wenn sie die Ziele verstehen und gemeinsam mit tragen. Das Unternehmensklima wird so zum unmittelbaren Faktor für die Attraktivität und die Produktivität des Krankenhauses. Also muss es uns in Perspektive gelingen, Vertrauen und Verantwortung in unserer Mitarbeiterschaft zu stärken. Da der Fisch gewöhnlich immer vom Kopf stinkt – wenn er stinkt – fängt dies ganz von oben an. Es fängt in der Betriebsleitung an und zieht sich über die Chefärzte und Abteilungsleiter bis hin zu den Mitarbeitern. Wir müssen alle erreichen und mitnehmen auf dem gemeinsamen Weg.
Allen gilt unser Vertrauen. Alle sind aber auch verantwortlich für die Wertschöpfung in unserem Unternehmen. Es muss uns gelingen, ihrer aller Initiative für unser Krankenhaus nutzbar zu machen. Dann haben wir im ersten Schritt in diesem Jahr genug Betten für unsere Patienten, eine funktionierende Notaufnahme und reibungslose OP-Abläufe. Dann arbeiten wir wirtschaftlich und gut.
Neben Patienten und Mitarbeitern gibt es aber noch eine dritte Perspektive der Entwicklung für unser Krankenhaus, über die zu reden ist.
Wir existieren nicht im luftleeren Raum. Wir haben Wettbewerber und Partner in der medizinischen Versorgung. Hier bedarf es einer klaren Positionierung damit wir erfolgreich sind.
Wir sind eingebettet in eine Krankenhauslandschaft hier in Ostthüringen, die uns ganz eklatante Vorteile bietet. Wir befinden uns umringt von Krankenhäusern, deren Leistungsspektren wir ergänzen und denen wir in der Kooperation Vorteile bieten können, die auch für uns wieder zu einer Vorteilslage führen. Wir sind der größte Versorger der Region mit dem breitesten Leistungsspektrum. Wir haben nahezu durchweg eine ausgesprochen hohe medizinisch-fachliche Kompetenz. Die nächsten nichtuniversitären Krankenhäuser, die so etwas zu bieten haben, befinden sich in Zwickau, Leipzig und Erfurt, also in ausreichender Distanz.
Die Großen der umliegenden Häuser wie Altenburg und Naumburg sind halb so groß wie wir, Eisenberg und Greiz haben ein Drittel unserer Größe, die anderen sind alle kleiner. Das hat für diese Krankenhäuser die Konsequenz, dass sie für die Sicherung ihrer Zukunftsfähigkeit Partner brauchen. Sie brauchen diese für die Patientenversorgung, aber auch für ihre eigene strategische Entwicklung. Hier hat das Wald-Klinikum eine Aufgabe und zugleich eine große Chance in Ostthüringen, die wir gemeinsam angehen wollen.
Krankenhäuser sind aber eigentlich der kleinere und weniger wichtige Teil der medizinischen Versorgung.
Ein Patient befindet sich zeitlebens in ambulanter Betreuung bei niedergelassenen Haus- und Fachärzten. Nur sehr seltene Episoden, die dann auch heutzutage sehr kurz sind, führen ihn ins Krankenhaus. Daher ist jeder Patient für uns der Patient eines niedergelassenen Arztes der sich vertrauensvoll für uns als stationären Behandler entschieden hat.
Hier gewinnt Dienstleistung im wahrsten Sinne des Wortes an Bedeutung. Um unsere Perspektiven mit unseren ambulanten Partnern zukunftsweisend zu gestalten müssen wir eines lernen: Ihnen zu dienen. Die Zeit der Selbstherrlichkeit der Krankenhäuser ist längst vorbei. Es kommt darauf an, welche Angebote wir unseren ambulanten Partnern machen können. Es kommt darauf an, ihren Anforderungen zu entsprechen und ihre Zwänge und Wünsche zu kennen. Ambulante Medizin ist weit entfernt von paradiesischen Zuständen. Nur ein dienstbarer stationärer Partner kann sich hier eine Nachhaltige Position in der Zusammenarbeit erarbeiten.
Mein allerletztes Wort zu den Perspektiven unseres Hauses soll dem Neubau unseres Klinikums gelten.
In wenigen Jahren werden wir hier einen der schönsten und funktionalsten Krankenhausbauten Thüringens vollständig in Betrieb nehmen können. Das gibt uns eine wirkliche Perspektive. Dann endlich können wir alle Schwierigkeiten über Bord werfen, die uns momentan mit unseren 3 Standorten die medizinischen Abläufe behindern. Und wir bekommen damit als 1000-Betten-Haus in der Region Ostthüringen ein Alleinstellungsmerkmal, das über viele Jahrzehnte für uns tragend sein wird - wenn wir es richtig anpacken.
In diesem Sinne möchte ich schließen.
Perspektiven für unser Krankenhaus sind zuallererst Perspektiven für unsere Patienten. Ihnen zu helfen ist unser Daseinszweck.
Perspektiven für unser Haus sind immer Perspektiven für unsere Mitarbeiter. Sie bestimmen den Wert unserer Behandlungen und gestalten damit selbst ihre, unsere gemeinsame Zukunft.
Und: Perspektiven für unser Haus sind immer verbunden mit den Partnern der ambulanten und stationären Versorgung in der Region, aber letztlich auch mit der Stadt Gera und den Menschen in Ostthüringen.
Ich danke Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen. Wir haben heute die Väter dieser Stadt geehrt, die sich vor 90 Jahren für ein zukunftsweisendes modernes Klinikum entschieden haben. Wir haben unsere Patienten und die vielen, vielen fleißigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geehrt, die hier aufopfernd in der Vergangenheit tätig waren. Und wir haben uns selbst geehrt. Denn wer eine erfolgreiche Geschichte hat und sich dieser bewusst ist, der kann optimistisch in die Zukunft blicken.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Nachhauseweg.
In 5 Jahren werden wir wieder beisammen sein. Dann werden Sie das dann 95jährige ehemalige Waldkrankenhaus mit über 100 Betten saniert sehen. Und Sie werden ein fertiggestelltes florierendes Kulturkrankenhaus vorfinden. Darauf freue ich mich.
Vielen Dank! Ihr Uwe Leder, Geschäftsführer

