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Chirurgen fordern zeitigere Hilfe für krankhaft Übergewichtige

10.12.2018

15. Jahrestagung für operative Therapie der Adipositas am 13/14. Dezember in Gera


Chefärztin Prof. Dr. Christine Stroh

In Deutschland sind aktuell 54 Prozent der Bevölkerung übergewichtig oder adipös. 1,4 Millionen Erwachsene haben einen BMI über 40 kg/m² und sind damit krankhaft übergewichtig. Von Übergewicht und Adipositas sind  43 Prozent der Männer und 29 Prozent Frauen betroffen.

Bei diesen Betroffenen reichen die aktuellen konservativen Therapiemaßnahmen nicht aus, um eine langfristige Gewichtsreduktion zu erreichen. Im Rahmen multimodaler Programme mit Ernährungs-, Sport- und Beratungsangeboten beträgt die Abnahme an Körpergewicht derzeit sechs Kilogramm in 24 Monaten bei krankhaft übergewichtigen Patienten.

Die Kosten für die Behandlung von Übergewicht und Adipositas sowie der Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Gelenkerkrankungen als einige von über 60 assoziierten Komorbiditäten werden derzeit auf 29,4 Milliarden Euro geschätzt.

Mit der Thematik und den operativen Maßnahmen befasst sich die 15. Jahrestagung zur operativen Therapie der Adipositas am 13. und 14. Dezember in Gera.

Prof. Dr. Christine Stroh, Chefärztin der Klinik für Adipositas und metabolische Chirurgie sowie Leiterin des Referenzzentrums Adipositas am SRH Wald-Klinikum Gera, ist zum wiederholten Male Gastgeberin der deutschlandweiten Tagung mit 70 Experten und Betroffenen aus ganz Deutschland.

Sie fordert, dass krankhaft übergewichtige Patienten in Deutschland zeitiger eine Operation erhalten sollten als bisher, vor allem wenn sie zugleich an Diabetes Typ II leiden. Um eine Heilung zu erreichen, sollte eine Operation bereits zwei bis drei Jahre nach Erkrankung durchgeführt werden. Christine Strohs Appell richtet sich vor allem an die Krankenkassen: „Der Zugang zur OP sollte vereinfacht werden“, sagt sie. Derzeit liege die Einzelfallentscheidung bei der jeweiligen Kasse, was mit enormen bürokratischen Hürden verbunden sei. Deutschland sei in der operativen Behandlung von Adipositas in Europa noch immer ein Entwicklungsland. Während hier nur zehn Adipositas-Patienten pro 100.000 Einwohner chirurgisch geholfen wird, sind es beispielsweise in Schweden  zehnmal so viele. Und das, obwohl Deutschland als „dickstes Land Europas“ gilt.

Gegenwärtig sind die fettleibigen Patienten, die am Magen operiert werden, durchschnittlich 44 Jahre alt und haben einen Bodymaßindex von 49 - normal ist ein Wert zwischen 19 und 25. Rund 90 Prozent der Betroffenen leiden zudem unter Begleiterkrankungen, neben Diabetes beispielsweise an Bluthochdruck, Asthma bronchiale, Gelenkbeschwerden und Schlafapnoe (Atemaussetzer während des Schlafs).

Zwischen 30 und 35 Prozent der Adipositas-Patienten erkranken an Diabetes, was letztlich einen Teufelskreislauf bedeutet. Denn die Stoffwechselerkrankung führt zu weiterer Gewichtzunahme infolge der Insulinresistenz.

Der häufigste operative Eingriff bei Adipositas ist die Schlauchmagen-OP. Dabei wird ein großer Teil des Magens entfernt. Da im Magen die Hormone fürs Hungergefühl gebildet werden, fühlt sich der Patient nach dem Eingriff schneller satt. Eine weitere Methode ist die Magen-Bypass-OP, bei der vereinfacht gesagt ein Teil des Verdauungstrakts umgangen wird. Ein stationärer Aufenthalt dauere fünf bis sieben Tage, sagt Christine Stroh. Die Komplikationen seien nicht höher als bei einer Gallenblasen-OP.

„Adipositas hat ein komplexes Krankheitsbild, das eine Kooperation verschiedener Experten erforderlich macht“, unterstreicht die Ärztin, „darunter Diabetologen, Psychologen und Ernährungsberater“.

Anlass der Geraer Tagung war die „Jahresauswertung der operativen Therapie der Adipositas“. Seit 2005 betreibt das Geraer Klinikum gemeinsam mit der Uni Magdeburg eine deutschlandweite Studie zur Qualitätssicherung, die OP-Komplikationen und Langzeiterfolge in der Adipositas-Therapie erfasst. Die Datenbank umfasst inzwischen 68.000 Eingriffe.